Die vergessenen deutschen Zwangsarbeiter

„Die vergessenen deutschen Zwangsarbeiter“

 Im Bundeskanzleramt war niemand abkömmlich. Ein Termin wurde abgelehnt .


 von Barbara Wieland

Von der Ostseeküste bis zum Balkan wurden in den ersten Monaten des Jahres 1945 Hunderttausende arbeitsfähige Deutsche in die Bergwerke im ukrainischen Donezk-Becken, in den Ural oder nach Sibirien zur Zwangsarbeit abtransportiert. Die Opfer waren Flüchtlinge, die von der Roten Armee eingeholt worden waren, Daheimgebliebene in den eroberten Gebieten und Deportierte. In sibirischen Lagern mussten sie die deutsche Kriegsschuld abarbeiten. Viele haben diese Verschleppung nicht überlebt, andere haben bleibende Schäden erleiden müssen. Die meisten von denen, die den Transport in Viehwaggons, die unmenschlichen Arbeitsbedingungen, Unterernährung, Krankheiten und Verzweiflung überlebten, kamen erst nach drei bis fünf Jahren Zwangsarbeit frei. Für sie fordert der Arbeitskreis „Deutsche Zwangsarbeiter“, die Anerkennung ihres Leids und eine humanitäre Geste in Form einer Entschädigung. Die Landsmannschaften der Ostpreußen, Banater Schwaben, den Donauschwaben, Pommern, Schlesiern, Oberschlesiern, Sudetendeutschen, der Landsmannschaft Warthe-Weichsel und dem Bund der Stalinistisch Verfolgten haben sich zu diesem Arbeitskreis zusammengeschlossen und wollten am Mittwoch, dem 21. August 2002 eine Resolution mit ihren Forderungen an den Bundeskanzler überreichen.

 Der Arbeitskreis hatte um einen Termin nachgesucht, jedoch wurde diese Bitte abschlägig beschieden. Im Bundeskanzleramt war am Mittwoch niemand abkömmlich. Die Resolution nahm schließlich ein Beamter des Bundesgrenzschutzes entgegen.

Ob diese Petition den eigentlichen Empfänger überhaupt erreicht und ob diesem Anliegen Gehör verschafft wird, sei einmal dahingestellt. Jedoch verdeutlicht dieses Gebaren der Bundesregierung einmal mehr die Wertigkeit, welche sie einem derartigen Anliegen beimisst. Dies sollten mündige Bürger im Hinblick auf die bevorstehenden Wahlen bedenken, bevor sie ihre Wahlentscheidung treffen.

Unter den Mitgliedern des Arbeitskreises „Deutsche Zwangsarbeiter“ vermisse ich jedoch die Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen! Die Donauschwaben und die Banater Schwaben finden hier sehr wohl Erwähnung. Liegt die Nichterwähnung der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen lediglich einem Versehen oder Übersehen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zugrunde, oder hat sich unsere Landsmannschaft tatsächlich nicht diesem Arbeitskreis angeschlossen? Werden die Ansprüche dieser Menschen, darunter auch viele Siebenbürger Sachsen, ganz gleich ob finanzieller oder eher moralischer Art, so gering gehalten, dass es nicht vonnöten erscheint, sich diesem Arbeitskreis anzuschließen und seine Ziele zu unterstützen?

Zu den Deportierten jener Zeit gehörten auch etwa 30.000 Siebenbürger Sachsen. In Viehwaggons, in die man jeweils 40 bis 70 Männer und Frauen zusammenpferchte, dauerte die Fahrt bei eisiger Kälte, primitivsten hygienischen Einrichtungen und notdürftiger Versorgung bis an die Bestimmungsorte in der Sowjetunion etwa drei Wochen. Die Mehrzahl landete in den Kohlenbergwerken des Donezbeckens um Stalino und Woroschilowgrad, im Gebiet jenseits des Dnjesters bei Kriwoi-Rog und Dnjepropetrowsk, einige aber auch im Ural. Sie wurden hauptsächlich in Bergwerken, Fabriken, auf Baustellen, zum geringen Teil zu Waldarbeiten und in der Landwirtschaft eingesetzt. Mehr als ein Drittel dieser Siebenbürger Sachsen kehrte nicht zurück, sie starben an Seuchen, Schwäche und Unterernährung. Die Überlebenden waren von der harten Arbeit für ihr restliches Leben bis auf den heutigen Tag gezeichnet. Nach Schätzungen der Ostpreußische Landsmannschaft leben noch etwa 500.000 Deutsche, für die eine Entschädigung mehr als fünfzig Jahre nach ihrem Leid und der jahrzehntelangen Nichtbeachtung in der Bundesrepublik und in den ehemals sozialistischen Staaten eine späte, vor allem moralische Erleichterung sein könnte. Etwa 100.000 Personen davon hat der Arbeitskreis „Deutsche Zwangsarbeiter“ bisher erfasst

Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom Donnerstag, 22. August 2002

Im Kanzleramt hat niemand Zeit für Deutsche, die nach dem Krieg in sowjetische Lager verschleppt wurden

 

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